Beruhigende Seuchen-Thriller

by Elmar Biebl March 24, 2020
A scene from "Twelve Monkeys", 1995

Eine Szene aus 12 Monkeys, 1995, unter der Regie von Terry Gilliam.

universal pictures

Tägliche Telefonate mit Berlin. Redaktionen sind verwaist, Kompletter Stillstand der Film- und TV-Produktionen. Sorge über den Gesundheitszustand von Kanzlerin Merkel. Aber auch Erleichterung, dass die Berlinale grade noch rechtzeitig ablaufen konnte, bevor ein Virus, den man nicht sieht, dafür sorgte, dass man auch in den Kinos nichts mehr sehen kann.

Ein Gespräch kam zufällig auf Bucheinkauf. Denn nicht nur Reissäcke, Toilettenpapier und Trockenmilch werden gehortet, auch Bücher. Der Gesprächspartner hatte sich ein Buch gekauft, das man am wenigsten auf einer Wunschliste vermutet hätte: Die Pest von Albert Camus. Die Pest?

Die Buchhändlerin hatte versichert, dass dieser Klassiker ausgerechnet jetzt zu den sehr gefragten Büchern zähle.

Und dann ist in einem Hollywood Branchenblatt zu lesen, was die mit am meisten gestreamten Filme im Augenblick sind: Ganz oben stehen Steven Soderberghs Contagion und Wolfgang Petersens Outbreak - Lautlose Killer.

24 Stunden pro Tag Dauerfeuer von News über die Corona-Katastrophe. Radikal verändertes Arbeits- und Sozialverhalten. Will sich wirklich jemand freiwillig auch noch fiktiven Katastrophen aussetzen?

Ein populärer deutscher Schauspieler, Armin Rohde, hatte vor knapp zehn Jahren eine Nebenrolle in Contagion.

Gefragt, warum seiner Meinung nach Leute in Krisenzeiten Krisenfilme sehen wollen, erklärte er sinngemäss so: „Das nennt man Katharsis. Schon die alten Griechen sind für Tragödien ins Theater gegangen. Man sieht sich Schicksale von anderen an, um zu merken, dass das, was man da zu sehen bekommt, wirklich schlimm ist. Und die Reaktion ist: So schlimm wird es bei mir wohl nicht kommen“.

Über Katastrophen zu lesen und sie am Bildschirm zu verfolgen, ist also beruhigend?

Wenn dem so ist, dann ist eine Aufzählung der schönsten Seuchen-Thriller geradezu eine menschenfreundliche Tat.

Fangen wir an mit Pacific Liner von 1938. Im Maschinenraum eines Luxusdampfers bricht eine Seuche aus, während die Reichen über ihnen ahnungslos ihre Walzer drehen. Seuche an Bord? Ganz schön prophetisch.

Auf Handreinigern steht: Beseitigt 99,9% aller Bakterien. Ein Autor namens Richard Matheson stellte 1954 dieses Versprechen auf den Kopf. Er beseitigte in einem Roman 99,9 % aller Menschen. Der Titel: I Am Legend. Mit dem etwas einfacher zu verstehenden Titel The Last Man on Earth wurde das Buch 1964 erstmals verfilmt. Mit dem König des Camp, Vincent Price. Dann, 1971, übernahm Charlton Heston die Rolle als letzter Mensch. Der Titel diesmal: Der Omega Mann. Und der bisher letzte letzte Mann ist Will Smith in der jüngsten Version des betagten, aber nach wie vor aktuellen Romans. Diesmal (2007) mit dem Originaltitel: I Am Legend.

Die verheerenden Epidemien dieser Filme werden von Viren ausgelöst, die von den Menschen selbst gezüchtet wurden. Als biologische Kriegswaffen. Ähnliche Selbstzerstörung ist auch am Werk in dem Kultfilm The Crazies (1973) von George A. Romero, dem Urvater aller Untoten. Der lässt die Infizierten nicht einfach sterben. Sie mutieren zu höllischen, von Hieronymus Bosch vorhergesehenen Halbleichen. Zu Zombies. Und die stellten sich als überraschend langlebig heraus. Sie erfreuen sich – im Film etwa Zombieland und TV, The Walking Dead – bis heute grosser Beliebtheit.  

Danny Boyle machte im Jahr 2002 aus dem Konzept Virus-Zombie einen der besten Filme des Genres, 28 Days Later. Dann folgte er mit 28 Weeks Later. Mit diesen Filmen holte er die Zombies aus der Kult-Nische von George A. Romero und machte sie gesellschaftsfähig für Mainstream-Movies.

Brad Pitt wurde durch die Qualität und Akzeptanz dieser Filme angeregt, durch seine Production Company Plan B die Rechte für World War Z zu kaufen. Marc Forster übernahm die Regie und Pitt versuchte als Held des Films, den Weltkrieg gegen die Zombies (daher das Z im Titel) zu gewinnen.

Für Brad Pitt waren heimtückische Erreger nichts Neues , könnte man sagen. Um einen tödlichen Virus ging es auch in dem Terry Gilliam Film 12 Monkeys von 1995, für den Pitt mit einem Golden Globe belohnt wurde. Das Virus hat wieder mal 99 % der Menschheit vernichtet, der Rest versucht unterirdisch zu überleben. Auch hier erwiesen sich die Viren als virulent. In einer gleichnamigen TV-Serie lebten sie bis 2018 weiter.

Von den vielen Virus-Zombie Filmen soll nur noch einer genannt werden: The Bay von Barry Levinson, mit dem einfühlsamen deutschen Titel Nach Angst kommt Panik.

Viren können auch aus dem Weltall kommen, wie der Film The Andromeda Strain (1971) von Robert Wise demonstriert. Sie können sich auf Südkorea fokussieren wie in Flu von Kim Sung-sun (2013). Sie können Frauen unfruchtbar machen wie in Children of Men von Alfonso Cuaron von 2006. In Pontypool von Bruce McDonald von 2008 können Viren sogar zu Sprachstörungen führen.

Viren brauchen eigentlich keine zusätzlichen Zombie- oder sonstigen Fantasie-Effekte. Sie sind am furchterregendsten, wenn gar nichts passiert. Ausser dass Menschen plötzlich ohne Vorwarnung und Schutz tödlich erkranken. Wenn Viren zu lautlosen Killern werden. So der deutsche Halbtitel von Wolfgang Petersens Outbreak. Diese Virus-Version – und die des Soderbergh-Films Contagion – kommt unserer Wirklichkeit am nächsten.  Vielleicht sollte man sich diese beiden wirklich jetzt nochmal ansehen.

Ein Kurzfilm von 1938 muss hier noch erwähnt werden. Titel: That Mothers Might Live, ein Film über den Arzt Ignaz Semmelweis, der im 19. Jahrhundert etwas gefordert hat, was damals kontrovers war und verlacht wurde, aber seither Millionen Menschen das Leben gerettet hat: Dessen – jetzt besonders aktuelle - Forderung war: Gründlich Händewaschen.