Die Musikmacher: Solo wie gehabt

by Elmar Biebl April 11, 2020
Composer Hans Zimmer, Goldem Globe winner

Hans Zimmer in Aktion.

frazer harrison/getty images

Film ist Teamwork.

Dieses Mantra bekommt jetzt, in den Zeiten von Corona, eine drastisch veränderte Bedeutung. Denn dieses Virus verlangt das Gegenteil von Team. Es verlangt soziale Distanzierung. De facto Berufsverbot für Hundertausende. Die guten News? Berufsgruppen, deren Kreativarbeit isoliert stattfindet, sind ausgenommen.

Wir befragten eine davon: Die Komponisten.

„Im Vergleich mit so vielen in unserer Industrie schätze ich mich ein als extrem privilegiert “, sagt Mark Isham, Golden Globe Nominee für Nell (1994). „Ich arbeite wie vor der Krise Minimum zehn Stunden pro Tag“. Seine Auftragsliste: nahezu überwältigend. Auf ihn warten The Same Sky, bereits in Pre- Produktion, ebenso wie Sex/Life., Bill + Ted Face the Music, Needle in a Timestack. Noch konzentriert er sich auf das „Fine-tuning“ des Reese Witherspoon-Projekts Little Fires Everywhere. Seine Kooperation mit Isabella Summers (besser bekannt als „Machine“ in der Gruppe Florence and the Machine) läuft dank digitaler Direktverbindung „reibungslos“.

„Ja, wir können weiterarbeiten“, sagt auch Laura Karpman (Paris Can Wait, Why We Hate). „Alles was wir brauchen, ist ein Film, ein Klavier und ein Gehirn. Ich habe sogar ein neues Orchester gegründet, Unison Orchestra. Die Musiker nehmen ihre Partituren im eigenen Heimstudio auf. In ein paar Wochen haben wir unsere erste virtuelle Session“.

Home-Recording von Musikern habe inzwischen einen Qualitätsgrad erreicht, der Kooperationen auf Distanz erlaubt, bestätigt Carlo Siliotto, der in diesen Tagen sein Projekt Miss Granny abschliesst. „Dieser Film braucht Mariachi und Jazz. Ich kombinierte einen Trompeter in LA, einen Geiger aus Venezuela mit einem Drummer in der Schweiz, usw. „Ich liebe es, selbst am Dirigentenpult zu stehen, aber wenn das nicht geht, dann spielt das Orchester – wie etwa das in Bratislava – eben ohne mich“

Vier Filme in rapider Abfolge hat Enis Rotthoff (Guns Akimbo) hinter sich. Dabei sei ihm klargeworden, dass Scoring „jede Menge Logistik“ verlangt. Für die Neuverfilmung von Lassie etwa schrieb und leitete er das Recording in LA mit Teams in Berlin und New York und Orchesterparts in Prag. „Die Zeitverschiebung war sogar ein Plus“, lernte er dabei. „Die eine Gruppe war fertig, als die nächste aufwachte und ihren Teil dazu lieferte.“ Dies zwinge zu klarer Kommunikation und sei nur möglich mit starkem Vertrauen untereinander.

Kris Bowers plant nach seinem Erfolg mit Green Book den Film Space Jam 2 mit Basketball-Superstar LeBron James. Aber noch ist seine Arbeit an Mrs. America nicht getan. Seine Aufgabe: Aus bis zu 15 isoliert spielenden Instrumenten einen kompakten Klangkörper zu fusionieren. „Die Bearbeitung der Tracks ist eine ermüdende Feinarbeit“. Lange Spaziergänge mit Freundin und Hund sind die Verschnaufpausen, die er jetzt braucht.

„Der nächste grosse Soundtrack kommt vielleicht von einem Kid aus der Bronx mit einem Laptop“, ist die vielzitierte Prophezeiung von Hans Zimmer. Mittlerweile   konzipiert er sein nächstes Grossprojekt, die Verfilmung des Bestsellers Hillbilly Elegie unter der Regie von Ron Howard, in seinem State-of-the-Art Studio in Santa Monica. Während der Altmeister der Filmmusik, John Williams, nach wie vor seine Meisterwerke mit Bleistift auf Notenpapier entwirft.

Aber nahezu alle Tonschmiede spielen die „Instrumente unserer Zeit, die Samplers“, erklärt Mathia-Mathithiahu Gavriel, der seine Sound Libraries auch für die Orchestrierung von Diane Warrens zelebrierten Filmsongs einsetzt: „Orchester-Sounds - Klaviere, Streicher, Bläser - lassen sich auf Samplers laden und programmieren“. Dem Komponisten steht eine ganze Klaviatur von Software zur Verfügung: „Wir arbeiten mit so genannten Synth Plug-ins, wie etwa Zebra oder Omnisphere für Rhythmen, Ambient Pads und Appregiator. Alles wird gebündelt in einem Sequenzer oder einer DAW (Digital Audio Workstation) wie zum Beispiel Logic Pro X, Cubase oder Protools, die dann erlauben, den finalen Sound sekundengenau mit dem Film zu synchronisieren“.

Schon vor der Corona-Krise waren virtuelle Besprechungen üblich, sagt Joseph Trapanese (Lady and the Tramp, Oblivion). „Aber Komponisten träumen davon, ein ganzes Archiv von Ideen zu entwickeln. Vielleicht haben wir jetzt mehr Zeit dafür“. Er sei ausgerüstet für Home-Composition, so Germaine Franco (Coco). „Ich kann in meinen vier Wänden weitermachen. Aber meine Gedanken sind beim medizinischen Personal, das braucht jetzt unsere Hilfe “. Lorne Balfe (Mission Impossible Fallout) mit einem Seufzer der Erleichterung: „Danke der Nachfrage. Komponisten sind von Berufswegen für Quarantänen konditioniert“.

„Selbstisolierung“, so auch Tamar-kali (Mudbound, Shirley), „gehört zur Job-Beschreibung eines Komponisten. Aber es ist ein Unterschied, ob diese freiwillig oder angeordnet ist“. Da sei der Zwang zur Isolierung, die aber andererseits mehr Zeit für Brainstorming mit Produzenten und Music Supervisors erlaube. „Eine seltsame Mixtur der Emotionen“.

Sie gewann den Golden Globe für ihr Score von Joker. Nach ihrem Triumph plante Hildur Guonadottir ein Cello-Konzert beim Rewire Festival in Den Haag. Gecancelt. „Es ist, als habe die Erde unter unseren Füssen gebebt“, sagt sie. Sie ist zurück in ihrer Wahlheimat Berlin, „mit meinem derzeit dringendsten Projekt, meine Familie. Aber langsam mache ich mich wieder mit dem Gedanken vertraut, zu meiner Musik zurückzukehren“.

Patrick Kirst, USC-Professor für Filmkomposition, nutzt seine erzwungene Lehrpause auch für eine andere Form des kreativen Schreibens: Sobald sein Score für die populäre Netflix-Serie The Kissing Booths (von Vince Marcello) abgenickt ist, konzipiert er die Endkapitel seines Buchs über Filmmusik und die Kunst, sie zu erlernen. Er hofft, dass die derzeitige Umstellung auch eine Chance ist, sich auf neue Weise mit Musik und auch mit sich selbst zu befassen. Konzeptionell sei ein Komponist jetzt gefragt, „anstelle für Orchester mehr für spannende kleinere Besetzungen“ zu schreiben, für Recordings in getrennten Heimstudios. Er erwähnt als Inspiration Steven Soderberghs Unsane, einen IPhone- Film. Patrick Kirst spricht vermutlich für seine Kollegen, seine Studenten und auch für sich selbst, wenn er sagt: „ Der absolute Stillstand im Entertainment Business bedeutet auch ein Neustart am anderen Ende des Tunnels.