The Face of the New German Cinema/Das Gesicht der neuen Generation deutscher Filmemacherinnen

by Barbara Gasser July 12, 2016
Filmmaker Uisenma Borchu and a scene from her film "Don't Look At Me That Way"

Filmmaker-actress Uisenma Borchu and a scene from her award-winning film Don't Look At Me That Way

Sven Zellner/Agentur Focus/Dreifilm

Uisenma Borchu gewinnt mit ihrem Debutfilm (Don’t Look at Me That Way) den Grand Prize des International New Talent Competition beim 18. Taipei Film Festival. “Ich stehe noch total unter Schock” sagt die Neo-Filmemacherin in ihrer ersten Reaktion. “Die 11 internationalen Mitbewerber lieferten beeindruckend starke Filme.” Uisenma Borchu war mit ihrem Erstlingswerk Schau mich nicht so an ins Rennen gegangen. Der Film ist ihr Debutfilm und gleichzeitig auch ihr Abschlussfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film München. In Deutschland wurde Schau mich nicht so an zwar wegen zuviel nackter Haut bekritelt, konnte aber dennoch den begehrten Fipresci Preis bei den Film Festspielen München 2015 gewinnen. Der Grand Prize beim Film Festival in Taipei ist mittlerweile die sechste Trophäe, die die Mongolin mit Lebensmittelpunkt Deutschland, nach Hause bringt. Die Jury begründet ihre Wahl mit den Worten “einzigartig, unnachahmlicher Stil und mysteriöse Schönheit”.

Uisenma Borchu wurde 1984 in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar geboren. 1988 übersiedelten die Elten mit den drei Kindern in die damalige DDR. Nach kurzer Zwischenstation in Ostberlin ließ sich die Familie in Staßurt nieder. Ihr erster Berufswunsch war Journalistin, merkt jedoch sehr bald, dass ihr Talent besser zum Film passt und beginnt ihre Karriere als Dokumentarfilmerin. Das Drehbuch zu Schau mich nicht so an stammt aus ihrer Feder, Uisenma Borchu ist zudem in einer der Hauptrollen zu sehen und sie führte Regie. In unserem Gespräch erklärt das mongolisch-deutsche Multitalent, dass sie mit Nacktheit nicht provozieren will. Vielmehr war “Schau mich nicht so an” entstanden als Uisenma Mutter wurde. Uisenma bedeutet ins deutsche übersetzt: Liebe deine Mutter und respektiere deine Eltern. Ihre Beobachtungen anderer Mütter, der soziale Umgang zwischen Single Müttern und Müttern in Partnerschaften und das Hinterfragen der sexuellen Identiät inspirierten die 32Jährige Mutter eines achtjährigen Sohnes zu Schau mich nicht so an. Dass Uisenma bedeutet übrigens ins Deutsche: Liebe deine Mutter sowie respektiere deine Eltern. Von der Association for the Development of Mongolian Women in Europe in der Kategorie Kunst-Kultur-Sport Zur Mongolin des Jahres gewählt, steht Uisenma Borchu stellvertretend für eine neue Generation deutscher Filmemacherinnen.

 

Was bedeutet es für Sie persönlich den Grand Prize des International New Talent Competition zu gewinnen?

Uisemna Borchu: Die Auszeichnung gibt mir viel Energie. Mein Kameramann Sven Zellner und ich sind das erste Mal in Südostasien und wir waren bereits überglücklich, als wir in Taipei unter die 12 nominierten Filme gereiht wurden. Wir erleben hier total starkes Kino und das finde ich großartig. Dass Schau mich nicht so an gewinnt, überrascht mich vollkommen und ich stehe noch etwas unter Schock.

Schau mich nicht an ist Ihr Erstlingswerk und hat für einiges Aufsehen gesorgt.

Uisenma Borchu: “Schau mich nicht an” ist mein Abschlussfilm an der Filmhochschule München. Wir hatten nur Gesamtbudget von Euro 25.000, da wir keine staatliche Förderung bekommen haben. Dass die Produktion überhaupt zustande kam, verdank ich dem Einsatz der DarstellerInnen, den Produzenten und meinem Partner und Kameramann Sven Zellner. Wenn Cast und Crew mit soviel Idealismus und Kraft hinter einem stehen, da kann man keinen Rückzieher machen. Da muss man riskieren und aus dem Herzen heraus arbeiten.

Was hat Sie zu Schau mich nicht so an inspiriert?

Uisenma Borchu: Ich interessiere mich für Frauen, ihre Gedanken, Gefühle, ihr Sozialverhalten und das Schönheitsideal und habe diese Aspekte davor in  Dokumentarfilmen verarbeitet. Inspiriert haben mich zudem die Werke von Simone de Beauvoir und Hannah Arendt. Als mein Sohn Amarsanaa geboren wurde, beschäftigte ich mich mit der Frage nach der Rolle als Frau und Mutter. Was bedeutet es Mutter zu sein? Welche Rollenzwänge werden einem auferlegt? Welches Spannungsfeld gibt es zwischen alleinerziehenden Müttern und Frauen, die in Partnerschaft leben? Als ich Laiendarstellerin Catrina im Kindergarten meines Sohnes kennenlernte, wußte ich,mit ihr kann ich meine Vision dramaturgisch umsetzen.

Welche Botschaft wollen Sie Frauen vermitteln?

Uisenma Borchu: Die Schlüsselszene in Schau mich nicht so an ist für  mich persönlich, als Hedi vor dem Spiegel steht und sich die Achseln kratzt. Ich war durstig danach, dieses Bild der Öffentlichkeit zu zeigen. Das Bild vor dem Spiegel sagt: Bin ich diese Frau? Dieses Bild versinnbildlicht für mich den Ausbruch aus dem gängigen Schönheitsideal. Wir Frauen wünschen uns diesem zwanghaften Bild zu entkommen, weil es ja nur in Fantasien existiert. In ersten Reaktionen sind Frauen auf mich zugekommen und meinten, Schau mich nicht so an ist für sie wie ein Befreiungsschlag. Aber Schau mich nicht an ist kein Frauenfilm. Nach einer Vorführung hier in Taipei hat sich ein Mann aus dem Publikum gemeldet und gesagt, dass er sich befreit fühlt offen über seine Homosexualität zu sprechen, da der Film die Liebe in den Mittelpunkt stellt, nicht das Geschlecht. Seine Offenheit und sein Mut fand ich toll. Meine Intention ist es, Filme zu machen, die Menschen konfrontieren und zur Reflektion beitragen.

Welche Eindrücke haben Sie bisher in Taipei gesammelt?

Uisenma Borchu: Ich bin ein wenig in der Stadt herumgelaufen, um zu spüren, wie das Leben hier funktioniert. Ein heimatlich verbundenes Gefühl spürte ich, beim Anzünden der Kerzen im Tempel.

Sie wurden in der Mongolei geboren und im Alter von vier Jahren nach Deutschland gezogen. Wie haben Sie die Umstellung in Erinnerung und wie ist Ihre Kindheit verlaufen?

Uisenma Borchu: Meine Eltern sind mit meinen beiden älteren Geschwistern und mir 1989 nach Ostberlin und von dort in die Kleinstadt Staßfurt gezogen. Ich bin mit dem Kontrast anders zu sein aufgewachsen ebenso mit dem Gefühl politisch zu sein. Meine Herkunft war ein Problem, mein Aussehen - schwarzhaarig und mandeläugig – hob mich von den anderen ab. Da stellt man sich als junger heranwachsender Mensch in Frage. Zum Glück haben uns meine Eltern Selbstvertrauen mitgegeben. Die Stärkung von innen, war ganz wichtig. Meine Eltern haben uns eingetrichtert, nicht isoliert zu leben, sondern den Dialog zu suchen.

Sie wurden zur Mongolin des Jahres gewählt. Was bedeutet für Sie diese Auszeichnung und welche Reaktionen erwarten Sie auf Ihren Film?

Uisenma Borchu: Die Auszeichnung ehrt mich und ich bin gespannt auf die Reaktionen auf den Film in der Mongolei. Denn zu Nacktheit haben die Mongolen ein etwas verkrampftes Verhältnis. Das war nicht immer so, die Nomaden sind eigentlich sehr tolerant und heißblütig. Aber seit den 50iger-60iger Jahren hat sich eine konservative Linie entwickelt. Ich hoffe, die Mongolen werden die filmische Leidenschaft honorieren.

Welche Einstellung haben Sie persönlich zu Nacktheit?

Uisenma Borchu: Seit ich mich mit dem Filmemachen auseinandersetze, ist auch die Nacktheit ein Element des Visuellen, das mich reizt. Besucht man die Museen, findet man auch nichts Anstößliches an den Gemälden von Botticelli, Rubens, Michelangelo und der Modeschöpfer Yves Saint Laurent meinte, nichts ist schöner als ein nackter Körper. Als Künstlerin sehe ich in Nacktheit ein Stilmittel um zu zeigen, welcher Mensch steckt unter der Haut, um seine Verletzlichkeit und Schönheit zu unterstreichen.

Können Sie sich vorstellen, in Hollywood zu drehen?

Uisenma Borchu: Das wäre natürlich ein Riesentraum und ich bin gespannt auf die Zukunft.

Welchen Schauspielerinnen stehen auf Ihrer persönlichen Wunschliste?

Uisenma Borchu: Charlize Theron ist eine großartige Schauspielerin ebenso die russische Schauspielerin Oxana Akinshina.

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Uisenma Borchu: Ich bin eine gute Beobachterin, das ist meine Stärke und in den Alltagsbeobachtungen finde ich meine Geschichten. Mein Ziel ist es, Menschen zu berühren und zu bewegen. Solange ich dazu imstande bin, werde ich weitermachen.