Gemeinsam trotz Distanz: Drive-ins machen’s möglich

by Elmar Biebl April 14, 2020
Drive in in Germany, 2020

ina fassbender/getty images

An dem Wochenende, als alle Kinos in Amerika dunkel wurden, war das offizielle Ergebnis der gesamten US-Boxoffice $ 260.000. Nicht überraschend dabei war, dass dies nur 98 Prozent der Kasse des gleichen Wochenendes im Jahr davor war. Überraschend dagegen war, dass überhaupt Einnahmen verzeichnet wurden.

Denn: Wie können geschlossene Lichtspielhäuser Kasse machen? Da war offensichtlich der eine oder andere Kino-Rebell. Wie zu hören war, erlaubten einige Kinobetreiber noch Besucher. So lange diese Distanz hielten. Nicht mehr als 25 Prozent der Sitze durften gefüllt sein.

Aber da war noch ein anderer Faktor im Spiel, den so gut wie niemand im Business bedacht hatte: Die Drive-Ins. Die Auto-Kinos.

Gibt es die überhaupt noch? In Hollywood wurde die letzte Freiluftleinwand schon in den Neunziger Jahren abmontiert. Ja, es gibt immer noch einige Drive-ins im Großraum Los Angeles, die gelegentlich Filme projizieren.  Unregelmäßig, meist mit aufblasbaren „Leinwänden“ und chaotischem Parken. Aber ausgerechnet an der Ostküste, wo das Klima weit weniger einladend ist für Open-Air-Events, gibt es noch 305 von diesen Fossilien der Kino-Geschichte.

Drive-ins sind der Kompromiss der Stunde: Sie erlauben sozial verbindende Erlebnisse trotz sozialer Distanzierung.

Und das macht nicht nur bestehende Auto-Kinos attraktiv. Warum nicht temporäre, improvisierte Drive-Ins installieren? Platz dafür bietet sich in allen Städten. Große Promenaden, auf denen es in Normalzeiten von Menschen wimmelt, sind verwaist. Ebenso Marktplätze, Parks, Stadien. Warum sollten sie nicht für diese distanzierte Gemeinsamkeit genutzt werden?

Diese Fragen werden derzeit global mit einem enthusiastischen Ja beantwortet. Von der südkalifornischen City of Industry, Osaka in Japan bis Düsseldorf in Deutschland. In der Nachbarstadt Essen hatte es begonnen. Erste Versuche waren so ermutigend, dass Düsseldorf ein ehrgeiziges Projekt startete. Startgeld kam von Gottfried Schulz. Das ist eine der größten Handelsgruppen für Volkswagen, Audi, Seat, Skoda, Porsche und Bentley in Deutschland. Autohandel sponsort Autokino. Das macht Sinn.

Die gesamte Organisation könnte sehr gut ein Beispiel für viele Städte der Welt sein: Die ideale Voraussetzung ist dabei die Tatsache, dass die Initiative nicht einfach nur Privatinteressen überlassen bleibt, sondern dass die Stadtverwaltung voll dahintersteht. Federführend wird das Projekt Autokino von einem City-Department geleitet, genannt „Düsseldorf Live“. Jeden Abend beginnt nach Einbruch der Dunkelheit eine gigantische, 400 Quadratmeter große Leinwand zu leuchten.  In digitaler Projektion laufen Filme wie „Narziss und Goldmund“, „Shaun, das Schaf: Ufo-Alarm“, „Knives out - Mord ist Familiensache“, „Nightlife“ und „Parasite“. Den Film-Sound empfangen die Besucher über das eigene Autoradio auf der Frequenz 92,6 MHz. Keine Lärmbelästigung der Umgebung. Der Besuch ist ausschließlich im Pkw gestattet, pro Pkw sind maximal zwei Personen zugelassen (plus eigene Kinder im Alter bis zu 14 Jahre). Die Autos werden vor Ort in einem Abstand von zwei Metern platziert. Maximum Beteiligung: 500 Autos pro Abend.

Tickets gibt es nur online zu kaufen. Am Eingang zum Autokino werden die Tickets durch die geschlossene Autofensterscheibe gescannt. Weil die Auffahrt von so vielen Autos geraume Zeit in Anspruch nimmt, werden Drinks und Fertigspeisen angeboten, die vorab online bestellt und bezahlt werden müssen. Die öffentlichen Toiletten werden ununterbrochen steril gehalten.

Auto-Kino hilft Arthouse-Kinos: Von dem Preis, 22 Euros pro Auto, geht jeweils ein Euro als Spende an Arthouse-Kinos, die durch den kompletten Kinostopp von allen Lichtspielhäusern am stärksten in ihrer Existenz bedroht sind

„In der aktuellen Situation müssen die Menschen mit weitreichenden Einschränkungen im Alltag leben“, sagt Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel. „Angebote, die dennoch eine Form des sozialen Miteinanders ermöglichen, sind momentan wichtiger denn je. Daher finde ich es großartig, dass wir trotz aller Kontaktbeschränkung eine Lösung gefunden haben, nämlich das Angebot eines großen Autokinos. Eine ideale Möglichkeit, für uns alle ein bisschen Abwechslung und Freude zu finden.“