Marc Forster's "All I See Is You": Sehen und gesehen werden - eine Liebesgeschichte

by Marlène von Arx November 27, 2017
Filmmaker Marc Forster

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Die Filme von Marc Forster sind schwer auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen:  Bekannt wurde der Regisseur mit dem sozialpolitischen Beziehungsdrama «Monster’s Ball», das Hauptdarstellerin Halle Berry einen Oscar einbrachte. Es folgte ein anspruchsvoller Familienfilm («Finding Neverland»), ein Experimental-Film («Stay»), eine schräge Komödie («Stranger Than Fiction»), der Ausflug ins biographische World Cinema («The Kite Runner», «Machine Gun Preacher») und schliesslich die Abstecher zum Event-Film mit seinem Bond-Beitrag «Quantum of Solace» und dem Zombie-Streifen «World War Z».

Mit der intimen Beziehungsgeschichte «All I See Is You» ist der in Deutschland geborene und in der Schweiz aufgewachsene Regisseur nun zu seinen Anfängen zurück gekehrt. Das Script um eine Frau, die als Mädchen durch einen Unfall blind wurde und nun dank einer Operation wieder sehen kann, schrieb er zusammen mit Sean Conway gleich selber. «Die Metapher vom Sehen oder Nicht-Sehen hat mich immer beschäftigt», erklärt Forster. «Sie in eine Liebesgeschichte zu verpacken, war das naheliegendste, denn mit dem, was wir sehen oder eben nicht sehen, steht und fällt eine Beziehung.»

Liebe macht ja auch blind, wie der Volksmund sagt. Blake Lively spielt die blinde Gina, die mit ihrem Mann James (Jason Clarke) als Expats in Bangkok lebt. Als sie dank einer Operation wieder sehen kann, wird die Ehe auf die Probe gestellt. Die Kontrolle in der Beziehung verschiebt sich. James ist ein besitzergreifender Typ und hatte sich eine Frau ausgesucht, die auf ihn angewiesen ist. Jetzt entdeckt diese ihre Unabhängigkeit und begibt sich auf eine Reise der Selbstfindung. Erstmals sieht sie sich als Frau. Make-Up, Haare, Kleidung - alles macht jetzt eine Verwandlung durch.

Auch ohne das äusserliche Make-Over war für Marc Forster klar, dass seine Hauptfigur eine Frau sein musste: «Frauen sind viel komplexer und deshalb als Protagonisten in Filmen interessanter. Männer sind ziemlich einfach gestrickt - deshalb sind sie gut im Action-Genre», lacht er. «Blake Lively ist intelligent, intuitiv und war bereit, den Weg der innerlichen und äusserlichen Veränderung zu gehen.»

Um die Gefühlslage von Gina zu erforschen, trat Forster mit Blinden und einem ehemaligen Blinden in Verbindung. Während des Schreibens haben er und Conway auch Selbstübungen gemacht und Kontaktlinsen getragen, die ihnen die Sehkraft nahmen. Solche, wie später für Blake Lively als Schauspielhilfe auch angefertigt wurden. Der Filmemacher hielt es ohne wortwörtlichen Durchblick nicht lange aus: «Ich muss gestehen, nach zwei, drei Stunden wird es wirklich schwierig. Es wird klaustrophobisch - ich fühlte mich so unwohl wie in einer MRI-Maschine.»

Wie setzt man eine Sehbehinderung aber letztlich in einem visuellen Medium um? Wie hält man die Wahrnehmung einer Blinden auf der Leinwand fest? Forster experimentierte mit Hilfe von Kameramann Matthias Königswieser mit der Bildsprache auf dem Set und nach dem Dreh in der Post-Production. «Wir haben beim Drehen schon in der Kamera einiges probiert. Manchmal sahen wir erst im Schneideraum, wie es herauskam. Auch mit dem Sound Design zu spielen, hat Spass gemacht», so Forster und lachend fügt er hinzu: «Wie heisst es doch in einem Woody-Allen-Film: ‹Der Film ist verschwommen, also wird er ein Hit in Frankreich!’»

Egal ob in Frankreich oder anderswo: Mit einem schwer zu definierenden Film einen Hit zu landen, ist nicht einfach: «All I See Is You» wurde erstmals am Toronto International Film Festival 2016 gezeigt. Nach langen Verhandlungen brachte der Verleiher Open Road Films Forsters zehnten Spielfilm im Oktober 2017 endlich in die US-Kinos und im Dezember wird er nun das Licht der Kinosäle in der Schweiz, Russland und Hong Kong erblicken. Der Trailer hebt die Spannungs-Elemente der zweiten Filmhälfte hervor: «Aber es ist eine obsessive Liebesgeschichte. Wer einen Thriller erwartet, wird enttäuscht», warnt Forster. Der im Bündner Ski-Ort Davos aufgewachsene Filmemacher vermutet, dass seine Schweizer Wurzeln etwas mit seinem allgemeinen Pflichtbewusstsein gegenüber seinen Investoren, in diesem Fall Privat-Investor Michael Selby, zu tun haben: «Ich habe grossen Respekt gegenüber den Leuten, die mir ihr Geld anvertrauen. Ich kenne Regisseure, denen es egal ist, wenn sie das Budget überziehen müssen. Mir nicht. Mit Ausnahme von ‹World War Z› wurden auch alle meine Filme pünktlich und innerhalb des Budgets fertiggestellt.»

Sein nächster Film birgt bezüglich Publikumsfindung ein geringeres Risiko: «Christopher Robin» ist ein Familienfilm aus dem Hause Disney und erzählt, wie der erwachsene Christopher Robin dank Winnie-the-Pooh, seinem besten Freund aus der Kindheit, die Lebensfreude wieder findet. «Bei so einem Film kann man die Reaktionen im voraus abschätzen», meint Forster. «Bei ‹All I See Is You› ist es viel weniger klar. Da gibt es mehr Diskussionen. Die Leute werden den Film lieben oder nicht. Aber das ist ja das Schöne am Film und an der Kunst allgemein.»