Maria Schrader:„Vor der Morgenröte“

by Helen Hoehne November 16, 2016
Director Maria Schrader and a scene from her film "Stefan Zweig: Farewell to Europe"

Tómas Lemarquis as Austrian author Stefan Zweig in Stefan Zweig:Farewell to Europe and director Maria Schrader

filmcoopi/getty

In ihrem neuen Filmporträt von Stefan Zweig erzählt Maria Schrader von den letzten Lebensjahren des großen Schriftstellers.

 

Warum war das Schicksal Stefan Zweigs für Sie besonders interessant?

Es waren vor allem die Exiljahre, die mich plötzlich begonnen haben zu interessieren, als ich seine Biografie gelesen habe und es erschien mir so, als hätte ich mich damit noch nie wirklich beschäftigt. Ich habe in meiner eigenen Filmografie einige Titel, die in dieser Zeit während des Krieges in Europa spielen. Aber was es eigentlich bedeutet ins Exil zu gehen, dieser große Konflikt von davon gekommen zu sein, aber fortan in einer Welt der Zerrissenheit zu leben, mit den Gedanken immer an einem anderen Ort zu sein wo man sich physisch aufhält, diese Mischung aus Schuldgefühl und Verantwortung, Sorge und Fremdheit hatte ich das Gefühl wird mir am Beispiel von Stefan Zweig fast allegorisch und plastisch erzählt. Wie sehr der Krieg die Geflüchteten sogar am anderen Ende der Welt verfolgt und im Fall von Stefan Zweig auch eingeholt hat. Das war mein Interesse.

Wie erklären Sie sich den Selbstmord von Stefan Zweig?

Für diese Art von Entscheidung gibt es oft sehr viele Gründe und am Ende ist es vielleicht doch unerklärlich. Warum einige Menschen diesen Schritt gehen und warum andere, die objektiv betrachtet vielleicht ein viel größeres Leid haben diesen Schritt nicht gehen. Ein Grund, der meiner Meinung nach mit entscheidend war ist, dass Stefan Zweig sich nicht wirklich distanzieren konnte von dem was in Europa passierte. Der Rückzug ins private, ins gerettet sein, das glückliche Schicksal davon gekommen zu sein und ein neues Leben aufzubauen war ihm kein Trost. Das stellt viele interessante Fragen für diesen Film. Es gibt zum Beispiel nichts wertvolleres, als das physische Überleben oder das individuelle Glück. Ich glaube, dass man seinen Selbstmord auch als die letzte, ultimative Widerstandsgeste eines Pazifisten interpretieren kann, der sagt eine Welt, die sich in dieser Form verändert, von der möchte ich und kann ich kein Teil mehr sein. Ich glaube auch, dass es sicherlich etwas mit Erschöpfung und Resignation zu tun hatte, jahrelang keinen Wohnsitz zu haben, die Anstrengung dieses Lebens, von so vielen Leuten um Hilfe gebeten zu werden, sich verantwortlich zu fühlen, war eine große Last.

Worin liegt für Sie die Aktualität des Stoffes?

Es sind gerade einmal siebzig Jahre her, dass Millionen von Menschen aus Europa in alle Teile der Welt geflüchtet sind. Heute erleben wir eine große Flüchtlingsbewegung genau in die andere Richtung, nach Europa hinein. Ich habe daraufhin die Originalzitate von Stefan Zweig, die wir im Film verwendet haben mit anderen Augen und Ohren gesehen und gehört. Es gibt Dinge, die er sagt, die unfassbar aktuell erscheinen. Damit konnten wir nicht rechnen, als wir mit dem Projekt begonnen. Es war ein jahrelanger Prozess über die erste Idee und die Finanzierung. Wir haben im Frühling/Sommer 2015 gedreht und als der Film fertig wurde, erschien er plötzlich wie eine Allegorie auf die Jetztzeit. Das konnten wir nicht vorhersehen. Natürlich war uns klar, dass Themen wie Exil, Vertreibung aus der Heimat und Radikalismus auch heute eine Bedeutung haben, aber wie deckungsgleich es zum Schluss schien, war sehr überraschend. Es wird einem so deutlich, dass es purer Zufall und pures Glück ist, dass man im Moment auf dieser Seite des Mittelmeers lebt und nicht auf der anderen.

Was macht Stefan Zweig so einzigartig?

Zweig ist neben Thomas Mann der weltweit meistgelesene deutschsprachige Schriftsteller. Er wurde in Brasilien wie ein Staatsmann empfangen und schrieb damals in sein Tagebuch, dass er sich wie Charlie Chaplin und Marlene Dietrich zusammen fühlte. Es kamen 2000 Leute zu seinen Lesungen. In jedem Haushalt standen mehrere seiner Werke. Das war in jedem Land so, in das er kam. Man kann sich gar nicht vorstellen, welche Berühmtheit ein Autor damals erreichen konnte, aber Zweig gehörte zu den globalen Superstars.

Was haben Sie von Stefan Zweig gelesen?

Das erste, was ich gelesen habe war eine kleine Novelle „Die Reise in die Vergangenheit.“ Daran kann ich mich gut erinnern, weil es mir wie vor dem inneren Auge wie ein Film erschien. Ich war fasziniert von seiner Beschreibung und habe dann relativ schnell andere Werke gelesen. Im Zuge der Recherche für diesen Film habe ich dann so ziemlich alles gelesen. Es gibt ein Vorwort von seiner großen Autobiografie „Die Welt von gestern.“ Da beschreibt er sich selbst und sagt, es käme ihm nicht in den Sinn dieses Buch zu schreiben, weil er sein eignes Leben so interessant findet, sondern er betrachtet sich als Schriftsteller, als Jude, als Pazifist, als Humanist. Er behandelt sich wie ein Stellvertreter seiner Zeit und seiner Generation. Davon haben wir uns inspirieren lassen. Dieser Film ist kein klassisches Biopic. Wir haben uns von Zweig selbst inspirieren lassen ihn als den Stellvertreter von europäischen Exilanten zu benutzen, der die größten Extreme in seiner Biografie vereint. Es ist ein Film über das Exil am Beispiel von Stefan Zweig.