Mit Hoffnung und Chuzpe in die Freiheit

by Barbara Gasser April 15, 2020
German Actress and director Maria Schrader, at the Berlinale 2020

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Seit Anfang der 90iger Jahre zählt Maria Schrader zu den Fixgrößen unter den deutschsprachigen Filmschaffenden. Als beste Hauptdarstellerin wurde sie 1999 mit dem Silbernen Bären für ihre Darbietung in „Aimée und Jaguar“ ausgezeichnet. Als Drehbuchautorin und Regisseurin debütierte sie 2007 mit „Liebesleben“ (Love Life). Vor drei Jahren gewann das Multitalent den Publikumspreis bei den Europäischen Filmpreisen und ging mit der Stefan-Zweig Verfilmung „Vor der Morgenröte“ für Österreich ins Golden Globes und Oscar Rennen. Nun hat sich die Künstlerin für ihre erste Netflix Produktion an den Bestseller „Unorthodox“ von Deborah Feldman herangewagt. In der vierteiligen Mini-Serie inszeniert Schrader auf ergreifende Weise den schmerzvollen Bruch der 19jährigen Esther (brillant verkörpert von Shira Haas) mit der streng jüdisch orthodoxen Gemeinschaft in Brooklyn, New York.

Für das Exklusiv-Interview erreiche ich Maria Schrader in Berlin und spreche mit der Filmemacherin über „Unorthodox“ und Aktualitätsbezogen über die Covid-19 Pandemie.

 

Welche Auswirkungen sehen Sie aktuell in der deutschen Unterhaltungsindustrie, die durch die Covid-19 Pandemie verursacht worden sind?

Maria Schrader: Die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie sind bereits jetzt besorgniserregend. Dreharbeiten wurden unterbrochen. Projekte, die in der Pipeline sind, werden auf unbestimmte Zeit verschoben. So ist auch mein nächstes Projekt in Schwebe. Wir hängen alle in der Luft. Für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer ist die Pandemie finanziell unglaublich belastend und Existenz bedrohend. Aber ich sehe auch große Kulanz auf beiden Seiten, lösbar ist das Problem nur in gemeinsamer und globaler Solidarität.

„Unorthodox“ ist Ihre erste Kooperation mit Netflix. Wodurch hat sich diese Regiearbeit von den bisherigen Erfahrungen unterschieden?

Maria Schrader: Ein Spielfilm benötigt oft mehrere Jahre von den ersten Vorbereitungen, über Finanzierung bis hin zur Postproduktion. Im Moment, wo die Zusage von Netflix kam, war auch der Abgabetermin vorgegeben. Für „Unorthodox“ hatten wir nur ein Jahr Zeit, um fast vier Stunden Film abzuliefern. Alle Abläufe wurden parallel in atemberaubendem Tempo abgewickelt. Während die Drehbücher geschrieben wurden, wurde das Team zusammengestellt und begannen weltweit die Castings. Ich selbst trat drei Tage nach meinen Schauspielauftritt in „Wer hat Angst vor Virginia Wolf?“ am Deutschen Schauspielhaus in Berlin die erste Recherchereise nach Williamsburg, NY, an.

Welche Eindrücke haben Sie von Williamsburg gewonnen?

Maria Schrader: 1989 führte mich die Recherche für „RobbyKallePaul“ das erste Mal nach Brooklyn. Damals war das Viertel der Satmarer in wesentlichen unzugänglich für Nicht-Satmarer. 2019 begegnete man unserer Recherchegruppe bestehend aus Drehbuchautorin und Showrunnerin Alexa Karolinski, Produzent, Szenenbildnerin, Kostümbildnerin und Schauspieler Eli Rosen mit gewisser Gesprächsbereitschaft, da wir großes Interesse an authentischen Lebensformen, Regeln und Ritualen zeigten: Welche Unterschiede gibt es zwischen einzelnen Mänteln oder welche Lieder werden in welchem Zusammenhang von wem vorgetragen? Man lud uns sogar ein, das Schlafzimmer eines chassidischen Ehepaares anzusehen.

Was haben Sie für sich mitgenommen?

Maria Schrader: In erster Linie kam es mir auf eine respektvolle und vorsichtige Annäherung an. Man muss die historischen Zusammenhänge kennen, um ihre Perspektive zu verstehen. Warum wenden sich die Chassidim bewusst vom Rest der Welt ab und weshalb ist die Außenwelt gleichbedeutend mit Bedrohung? Die Chassidim Gemeinde glaubt, von Gott mit dem Holocaust bestraft worden zu sein, weil sie sich assimilierte. Das spricht auch der Großvater in der vierten Folge explizit aus: „Wir haben unseren Nachbarn vertraut. Wir haben ihre Sprache gesprochen und ihre Kleidung getragen. Gott hat uns gestraft.“ Es war mir wichtig, die Gesetze und Regeln der Gemeinde zu verstehen, um sie zeigen zu können. Für die meisten Zuschauer ist es eine unbekannte Welt.

„Unorthodox“ basiert auf der Autobiographie von Deborah Feldman, die als 17jährige Frau verheiratet wurde, aus der Ehe und der Gemeinde flüchtete und seither in Deutschland lebt.

Maria Schrader: Deborah Feldman beschreibt sehr persönlich, was es für sie als Mädchen bedeutete, dort aufzuwachsen. Dass es keinen alternativen Lebensweg gibt, als Ehefrau und Mutter zu werden. In „Unorthodox“ erlebt die 18jährige Esther, mit welchem Druck operiert wird, wenn eine Person diesen Erwartungen nicht entspricht. Sie trifft wie Deborah in sehr jungen Jahren fundamentale Entscheidungen und flieht aus der Gemeinde in die sogenannte „Außenwelt“, von der sie kaum etwas weiß und vor der sie ihr Leben lang gewarnt wurde. Ihre Geschichte könnte in ähnlicher Form auch an vielen anderen Orten der Welt spielen.

Worauf legten Sie Wert beim Portrait der arrangierten Ehe zwischen Esty und Yanky?

Maria Schrader: Mir ist ausgesprochen wichtig gewesen zu zeigen, dass sich Esty und Yanky bei der ersten Begegnung durchaus gefallen. Bei der Hochzeit sind beide glücklich. Diese beiden jungen Menschen setzen große Hoffnung auf ihre Ehe und erwarten sich eine neue Freiheit. Stattdessen geraten sie in ein Gefängnis von Forderungen. Es ist tragisch, dass ihnen keine Zeit gelassen wird, eigentlich sind sie noch Kinder. Es ist neben der Emanzipation und Selbstfindung von Esther auch eine Liebesgeschichte, für die man hofft. Yanky ist nicht einfach ein Antagonist, er macht ebenfalls eine große Entwicklung durch.

Jiddisch sprechende Schauspieler zu finden, ist wahrscheinlich nicht sehr leicht. Welche Herausforderungen gab es bei der Zusammenstellung des Ensembles?

Maria Schrader: Jiddisch wird weltweit nur mehr von knapp einer Million Menschen gesprochen und überwiegend in religiösen Communities. Wir mussten hervorragende Schauspieler aus drei Generationen finden, die nicht nur als Familien im Film zusammenpassen, sondern auch noch Jiddisch wie eine Muttersprache sprechen können.  Wir haben weltweit DarstellerInnen gesucht und sehr, sehr viele Aufnahmen gesehen. Aus Israel erhielten wir das Casting-Video von Shira Haas. Das war so herausragend, dass es uns Auf Anhieb überzeugte. Showrunnerin Anna Winger und ich sahen es getrennt voneinander an und hatten den gleichen Impuls: „Look at Shira - das ist Esther!“ Fürs Casting haben sich unerwartet viele Künstler aus aller Welt gemeldet mit ähnlichem Schicksal wie Esty. Amit Rahav (Yanky) stammt aus Israel, ebenfalls Jeff Wilbush (Moishe). Als er von unserem Projekt erfuhr, sagt er: „Das ist meine Geschichte!“ Auch er wuchs in einer ultra-orthodoxen Gemeinschaft in Jerusalem auf und verließ sie mit 14. Für ihn ist Jiddisch tatsächlich die Muttersprache. Später studierte er Schauspiel in München. Eine spezielle Erfahrung war, dass unsere Dreharbeiten zum Treffpunkt für Menschen mit ähnlichem Schicksal wurden. Selten habe ich so intensiv die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit gespürt und es sind wunderbare, dauerhafte Freundschaften hervorgegangen.

Neben dem künstlerischen Aspekt von Berlin zeigen Sie die Metropole in einem Licht, das so im internationalen Film oder Fernsehen kaum vermittelt wird.

Maria Schrader: Wir wollten Berlin als eine Stadt zeigen, die Raum für Utopien bietet. Ich lebe seit über dreißig Jahren in Berlin und natürlich hat die Stadt sehr unterschiedliche Gesichter. Aber ich höre regelmäßig von Menschen aus anderen Ländern, wie überrascht sie von der multikulturellen und einladenden Atmosphäre sind. Das spürt auch Esty, als sie in Berlin eintrifft. Obwohl ihr diese Welt vollkommen fremd ist, beginnt sie ihren Weg in die Freiheit mit Mut und Hoffnung.