T-Rex im Rückspiegel: Buch oder Film-Version?

by Elmar Biebl April 23, 2020
Books in a library

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Bücherlesen ist reine Zeitverschwendung. Wer dieser Meinung ist, kann tatsächlich ein starkes Argument anführen: Warum für die Lektüre eines Buches 24 Stunden oder länger investieren, wenn man die gleiche Story bequem in einem 2 -Stunden Film serviert bekommt? Also was tun in der Extrazeit, die Covid-19 uns jetzt aufbrummt? Buch?  Film? Beides?

Buch oder Film – diese Frage trifft natürlich nur auf bestimmte Titel zu. Nicht jedes Buch wird verfilmt. Nicht jeder Film basiert auf einem Buch. Aber der Prozentsatz an Buch-Verfilmungen ist tatsächlich sehr hoch. Wer jetzt in den Büchern stöbert und danach die Film-DVDs abstaubt, dem werden sofort Titel in die Hände fallen, die auf beiden Regalen zu finden sind:

Etwa Motherless Brooklyn von Jonathan Fethem und der Film von Edward Norton. Das Perfüm von Patrick Süskind und der Film von Tom Twyker. L.A.Confidential von James Ellroy, Regie Curtis Hanson. Oder Golden Globe-Gewinner 12 Years A Slave von Solomon Northrup, verfilmt von Steve McQueen. Vielleicht sind da drei verfilmte Bücher von einem der größten lebenden US-Schriftsteller, Cormac McCarthy: All The Pretty Horses, The Road and No Country for Old Men.

Dass aus Büchern Filme werden, das hat schon in der Frühzeit von Hollywood begonnen: Am berühmtesten: Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque (1930). 1939 kam die Verfilmung des Bestsellers Vom Winde Verweht von Margaret Mitchell. Dieser Film wurde – die Dollarwerte auf heute umgerechnet – zu einem der größten Kassenhits aller Zeiten.

Und was auch auffällt, ist, dass viele der Top-Franchises auf Büchern basieren: Harry Potter, natürlich, James Bond, Herr der Ringe, die Jason Bourne Filme, oder die Superhero-Verfilmungen und die unzähligen Märchen-Filme, von Schneewittchen bis Aladdin.

Der Grund liegt auf der Hand. Ein Bestseller wird definiert durch hohe Verkaufszahlen, also durch ein großes, interessiertes Publikum. Die Story, die Charaktere, das Drama, die Komik - alles verankert sich im allgemeinen Bewusstsein. Und das ist natürlich die halbe Miete fürs Marketing. Bei einer Original-Story muss erst aufwendig ein Publikum generiert werden. Aber Die Vögel von Daphne Du Maurier oder Psycho von Robert Bloch waren Hits, die sich Hitchcock nicht entgehen ließ. Dan Browns Der Da Vinci Code war ein globaler Bestseller, Millionen warteten gespannt auf die Verfilmung. So auch bei Stieg Larsons Das Girl mit dem Drachentattoo. Prompt wurde ein Franchise daraus

Das gleiche Prinzip gilt auch für die Literatur-Klassiker: Don Quixote, Sherlock Holmes, Dracula, Oliver Twist, Frankenstein, 1984, Liebe in der Zeit der Cholera, Der Name der Rose, Die Blechtrommel, durch die Bank erfolgreich verfilmt, viele davon mehrfach.

Einer der ganz Großen, Stanley Kubrick, hat fast ausschließlich Literatur verfilmt: Von The Killing, Dr Strangelove, A Clockwork Orange, Lolita, Barry Lyndon, The Shining, Full Metal Jacket bis Eyes Wide Shut, alles Bücher. 2001 – A Space Odyssey war eine interessante Ausnahme: die Verschmelzung von Buch und Film, beide entstanden in synchroner Kooperation.

Zurück zur Frage: Ist Buchlesen Zeitverschwendung? Die Standardreaktion ist: Das Buch ist sooo viel besser als der Film. Denn, so das Argument: Ein 400-Seiten Buch lässt Raum für viel mehr Beschreibungen, Hintergründe, Motive, Gedanken, als ein 120-Seiten Drehbuch.

Aber stimmt das immer? Viele Filme haben ihre Originale nach verbreiteter Meinung weit hinter sich gelassen: Da ist Double Indemnity, Billy Wilders clevere Adaption von James M. Cains Noir Thriller. Oder Der Weiße Hai von Peter Benchley. Spielberg machte einen Klassiker daraus. Dann Der Pate – Was Warner Bros. als einen Routine-Gangsterfilm in Auftrag gab, machte Coppola zu einem Meilenstein der Filmgeschichte. So Anthony Hopkins in Das Schweigen der Lämmer nach dem Buch von Thomas Harris. Jurassic Park, Michael Crighton’s Thriller war packend. Aber wenn Spielberg einen T-Rex im Rückspiegel zeigt oder Raptors, die in der Küche zwei Kids verspeisen wollen – da spielt sich vor dem Auge etwas so elementar Bedrohliches ab, das gedruckte Wort kann da kaum mithalten.

Denn der entscheidende Unterschied zwischen Buch und Film ist der Grad der Visualisierung der Personen und der Umgebung, in der sie agieren. In einem Buch bleibt dies vage, nebulös, abstrahiert. Wenn ich lese: Ihr schwarzes, bis zur Schulter gelocktes Haar rahmte ihr Gesicht, ihre Lippen… Dann hilft das der Vorstellung, wie sie wohl auf die anderen Protagonisten der Story wirkt. Aha, die finden sie hübsch, begehrenswert, das ist gut zu wissen. Aber vor dem geistigen Auge des Lesers entsteht kein präzises Bild von ihr. Man könnte sie nicht malen, selbst wenn man malen könnte.

Im Film dagegen ist sie zu sehen. Jetzt geht nicht mehr nur den Puls ihrer fiktiven Bewunderer hoch, sondern auch der reale Puls ihrer Zuschauer.

Aber hier liegt eine Verantwortung für die Übersetzer eines Buchs in einen Film. In einer Pressekonferenz der HFPA wurde Peter Jackson danach gefragt: Wie fühlst du dich, dass du mit deiner Adaption von Herr der Ringe allen zukünftigen Lesern die Chance nimmst, sich ein eigenes Bild zu machen. Wie Frodo aussieht oder wie Gollum krächzt. „Ich bin mir dessen total bewusst“, sagte er. „Aber es gibt einen Trost für mich. Ich fühle mich gut, wenn ich höre, dass seit den Filmen der Verkauf von Tolkien-Büchern um Millionen gestiegen ist“.

Auch das ist eine Antwort auf die Frage, ob ein Buch Zeitverschwendung ist: Offenbar nicht. Sonst wären nicht Millionen nach ein paar Stunden Film freiwillig bereit, zusätzlich das Vielfache an Zeit in ein Buch mit dem gleichen Titel zu investieren. In eine Story, die sie bereits kennen.