Christoph Waltz: Ein Stern, ein Globe, ein Bond

by Elisabeth Sereda December 16, 2014

Yoram Kahana/HFPA

Zeremonien für die Stern-Verleihung am Walk of Fame haben ein ganz besonderes Flair: man fühlt sich in die goldene Ära Hollywoods zurückversetzt, so als würden jeden Augenblick Fritz Lang und Luise Rainer vorbeikommen und Martinis in einer der legendären Bars trinken. Zwei Österreicher, deren Sterne ebenfalls auf dem Hollywood Boulevard zu finden sind. «Es hat so etwas wunderbar Altmodisches» schwärmte Christoph Waltz Minuten, nachdem er vor zwei Wochen selbst mit dem neuesten Stern geehrt worden war. An Ehrungen sollte der österreichische Schauspieler inzwischen gewöhnt sein – zwei Golden Globes, zwei Oscars und eine weitere Golden Globe-Nominierung für seinen neuesten Film, Tim Burtons Big Eyes – nennt er sein eigen. Und um der grandiosen Karriere die Krone aufzusetzen, spielt er in einer der ältesten und berühmtesten Franchises der Filmgeschichte mit : im nächsten Bond-Film ist er der Bösewicht. Wobei der Begriff Bösewicht einer ist, den Waltz gar nicht, mag er findet die so genannten bösen Charaktere nicht so eindimensional wie das Wort vermuten lässt. Bei 007 macht er eine Ausnahme: «Im Bond-Kontext ist das Wort Bösewicht erlaubt. Denn der Bond-Bösewicht ist eine Institution. Ob das aber auf mich und meine Rolle hier zutrifft, sei erst mal dahingestellt» gibt er sich kryptisch. Er ist demnach komplexer, als man es vermuten würde? «In jedem Fall!» lacht er. Was immer er auch verraten darf: «Ich darf eh alles sagen, die ganzen Spekulationen halten die Maschine am Laufen. Ich spiele Franz Oberhauser, einen Österreicher. Und die Geschichte erzähl ich nicht, denn da würd ich mir ja selber ins Knie schiessen» sagt der Star. Er ist – entgegen einiger Berichte – nicht der Chef der Organisation Spectre, die Bond zu Fall bringen will: «Ich bin einer im Gefüge, es braucht gar keinen Chef, und der Film ist in sich abgeschlossen und hat nichts mit der Story von Dr.No zu tun» wie ebenfalls fälschlich geschrieben wurde. Waltz bezeichnet sich nicht als typischer Bond-Fan: «Ich mochte einige Filme – Skyfall fand ich ganz grossartig – und aus der historischen Distanz sind die alten Bonds der 60ger Jahre ein Vergnügen. Ich war immer gespannt auf das nächste Bondgirl, aber festlegen wolle ich mich da nicht, denn die waren alle recht ansehnlich.» Möglicherweise, sagt er, hat er sogar Szenen mit den Damen des neuen Films, Monica Bellucci und Lea Seydoux. Seine Kollegen kennt er alle: «Den Daniel Craig hab ich lustigerweise bei den Golden Globes vor zwei Jahren kennengelernt. Er war unglaublich nett, kam auf mich zu. Und Ralph Fiennes ist einer meiner liebsten Schauspieler, mit dem ich mich immer wieder privat treffe, und wir reden nie über Film, sondern übers Leben.» Dass das Spectre-Drehbuch geleakt wurde, erschreckt ihn nicht: «Das ist eine sehr frühe Version, von der kaum noch was übrig ist im aktuellen Skript. Die ganze Hackernummer geht mir auf den Nerv, die ist dermassen selbstgerecht und wichtigtuerisch. Das sind kleine, miese Typen, ganz erbärmlich. Was kaputt zu machen ist sehr leicht, was aufzubauen sehr schwierig.» Ein wenig traurig ist der Schauspieler, dass Spectre zwar drei Locations in Österreich hat – Sölden, Obertilliach und Altaussee – er aber in keiner davon filmen wird: «Leider. Ich hab mir schon gedacht, ich werde die Kollegen beim Dreh besuchen, aber ich besuche Filmsets auf denen ich nicht aktiv tätig bin eigentlich nie, weil ich es - wenn ich selbst drehe – auch hasse, wenn so Set-Touristen auftauchen.» Der Wiener ist durch und durch Profi, wie auch Laudator Quentin Tarantino bei seiner Rede am Hollywood Walk of Fame erzählte, wo er Waltz als «meinen Lieblingsösterreicher!» bezeichnete. (Dass er vermutlich keine anderen Österreicher kennt, sei mal dahin gestellt): «Einerseits ist Christoph ein Meisterdarsteller, andererseits ist er ein Werkzeugkisten-Schauspieler. Damit meine ich, dass er beim Dreh seine Werkzeuge auspackt und seine Arbeit leistet.» Tarantino bezeichnete seine Hollywood-Entdeckung auch als absolut Allüren-losen Star: »Christoph belächelt die Kollegen mit ihren Assistenten, die nach jeder Szene mit Misosuppe und Zitronentee auf sie warten. Und wenn sich einer darüber aufregt, dass ihm jemand in die Sichtlinie gerät, sagt er ‘Na, ich habe jahrelang Theater gespielt und hatte hundert Leute in meinem Blickfeld, mein Lieber, du hältst das schon aus.’» Der sonst eher zurückhaltende Schauspieler freute sich wie ein Schneekönig: «Ich bin nicht nur ein klein bisschen mit Stolz erfüllt, mein Herz ist zum Bersten voll! Ich hätte mir das nie erträumen können. » Erträumen vielleicht nicht, aber vor vielen Jahren machte er einmal einen Scherz darüber: «Ich ging hier spazieren, und da war ein unbeschrifteter Stern neben einem anderen Österreicher – dem Casablanca-Star Peter Lorre. Und ich dachte mir, das wäre doch grossartig, wenn das meiner würde.» Die direkte Nachbarschaft zu Lorre wurde es nicht, doch die Location seines Sterns ist vor seinem Lieblingsrestaurant, Musso & Frank, gegründet 1919. «Das Musso & Frank ist nicht nur mein Lieblingsrestaurant, es war auch das meines Grossvaters, der 1937 nach Hollywood emigriert ist. Hier verbrachte er Nächte mit all den legendären Österreichern, die die Filmindustrie mitgegründet haben.» Für ein kleines Land (von 8.5 Millionen Einwohnern) hat Österreich definitiv viele internationale Stars hervorgebracht. Christoph Waltz sieht seinen späten Ruhm mit der Distanz der Lebenserfahrung: «Unter Garantie. Ich weiss wirklich, was der Erfolg für mich bedeutet. Ich kenne die andere Seite sehr, sehr gut, ich habe das 35 Jahre lang gemacht. Ich habe ein ganz genaues Bild, warum ich es will, was ich will. Ich trage ein Gefühl der Dankbarkeit in mir, das wiegt sehr viel. Und mit 25 kann das nicht wiegen, denn da ist Erfolg vor allem emotional, und bei mir beruht es auf Erfahrung. Je älter man wird, desto mehr weiss man, was alles schief gehen kann, desto dankbarer wird man.» Er hatte oft Momente, in denen er aufgeben wollte: «Ja klar, immer wieder. Aber ich bin – auch ohne hehre Momente – einfach sehr stur, ich akzeptiere ungern, wenn etwas, was ich mir vorgenommen habe, nicht eintrifft. Und da dann das Handtuch zu werfen, das mach ich allein schon aus Sturheit nicht.» Das Durchhaltevermügen hat sich für Christoph Waltz mit Sicherheit ausgezahlt. Elisabeth Sereda